Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturprognose für das laufende Jahr wieder verdoppelt.Die Erwartungen für die Wirtschaftsleistung 2026 wurden auf 1,3 Prozent angehoben. Im Frühjahr hatten die Institute ihre wachstumsprognose noch auf 0,6 Prozent halbiert. Für 2027 prognostizieren sie ein Wachstum von 1,1 Prozent (bisher 0,9 Prozent),für 2028 aber nur noch 0,4 Prozent.
Einschätzung und Gründe der Aufwärtskorrektur
Aussage des IWH-Konjunkturchefs
„Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet. Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten“, sagte Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Leibniz-instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Im laufenden Quartal bremst zudem Niedrigwasser die Aktivität vorübergehend. Das staatliche Defizit nimmt weiter zu,sodass sich ein wachsender Konsolidierungsbedarf aufstaut.
Treiber der Aufwärtskorrektur
Die deutsche Wirtschaft entwickelte sich im ersten Halbjahr 2026 deutlich kräftiger als im Frühjahr erwartet. Vor allem die exporte und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe legten überraschend stark zu. Impulse kamen von der robusten Weltkonjunktur und dem weltweiten KI-Boom. Wettbewerber aus der Golfregion waren infolge des Iran-Kriegs erheblichen Produktionsbeeinträchtigungen ausgesetzt. Der Staatsverbrauch nahm kräftig zu. Die Unternehmensinvestitionen und der private Konsum blieben dagegen schwach. Der mit dem Iran-Krieg verbundene Energiepreisschock hat die Wirtschaft zwar gebremst. Die höheren Preise für Kraftstoffe und Heizöl sind bislang aber kaum auf die übrigen Verbraucherpreise übergesprungen.
Aktuelle Entwicklung im dritten Quartal
Die erholung hat sich im dritten Quartal verlangsamt. Die Stimmungsindikatoren haben sich weiter aufgehellt. Am aktuellen Rand fallen die harten Konjunkturdaten jedoch schwächer aus. Seit Mitte Juli anhaltendes Niedrigwasser behindert die Produktion in der chemischen Industrie. Höhere Energiepreise belasten die Kaufkraft und damit den privaten Konsum. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im dritten Quartal lediglich um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen sein. Mit einer Normalisierung der Pegelstände sollten die Produktionshemmnisse ab dem vierten Quartal nachlassen. Die robuste Nachfrage aus dem Ausland sowie steigende öffentliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur stützen dann die weitere Erholung.
Ausblick für 2027 und 2028
inländische Nachfrage und investitionen
Für 2027 erwarten die Institute eine Fortsetzung des Aufschwungs. Dieser wird vor allem von der inländischen Verwendung getragen. Der private Konsum dürfte mit den real verfügbaren Einkommen moderat zulegen. Die Wohnungsbauinvestitionen dürften allmählich anziehen. Die private Investitionstätigkeit bleibt insgesamt jedoch wohl schwach. Im Jahr 2028 verliert die Expansion laut Prognose an Tempo.Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft demografiebedingt, und das Potenzialwachstum geht weiter zurück. Bereits geringe Zuwachsraten reichen daher künftig wohl aus, um die gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten auszulasten.
Inflation und Arbeitsmarkt
Die Inflation dürfte von 2,8 Prozent in diesem Jahr auf 3,2 Prozent im Jahr 2027 steigen und 2028 auf 2,0 Prozent zurückgehen. Am Arbeitsmarkt kommt die Erholung voraussichtlich verzögert an. Die Erwerbstätigkeit sinkt zunächst weiter, während die Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent im Jahr 2026 auf 6,2 prozent im kommenden Jahr und 5,8 Prozent im Jahr 2028 zurückgeht.
Finanzpolitischer Handlungsbedarf
Die Institute sehen zunehmenden Handlungsbedarf in der Finanzpolitik. Das staatliche Finanzierungsdefizit steigt ihren Prognosen zufolge von 4,1 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr auf 4,7 Prozent im Jahr 2028. Der Zuwachs der Nettoprimärausgaben dürfte den im europäischen Regelwerk vorgesehenen Pfad deutlich überschreiten. Auch bei Einhaltung der reformierten nationalen Schuldenbremse wird die Schuldenquote mittelfristig wohl weiter steigen. Zudem nehmen die Zinsausgaben erheblich zu. Damit wächst der Konsolidierungsbedarf.



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