Vor der öffentlichen Stadtratssitzung am Mittwoch fand eine Baubegehung im Rechtsschutzsaal statt. Architektin Schaus-Hoffmann und ihr Kollege Sven Varszegi vom Büro Schaus-Decker Architekten erläuterten Stadtratsmitgliedern die Kostensteigerungen bei der laufenden Sanierung.
„Bei der Öffnung einzelner Bauteile ergaben sich gewisse schwerwiegende Defizite, insbesondere im Brandschutz“, sagte Bürgermeister Christian Jung zur Einleitung.
Sanierung verzögert sich
Der Rechtsschutzsaal gilt als ältestes deutsches Gewerkschaftsgebäude und ist ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung. 2020 wurde es als einziges Projekt im Saarland in das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ aufgenommen. Die Sanierung begann im März 2025, ursprünglich sollte sie Ende 2025 abgeschlossen sein. Nun ist die Fertigstellung bis Ende des ersten Halbjahres 2026 geplant.
Der Bund fördert das Projekt mit 1.138.500 Euro, die Bedarfszuweisung durch das Saar-Innenministerium beträgt 541.687 Euro. Der städtische Eigenanteil lag nach Stand 2025 bei rund 59.000 Euro. Konkrete Nachfragen über den aktuellen Eigenanteil der Stadt wurden unserer Redaktion nicht beantwortet.
Komplette Decke musste erneuert werden
Varszegi schilderte in der Stadtratssitzung die Problematik: „Das Gebäude ist im Prinzip eine Wundertüte und bei immer mehr Bauteilöffnungen kamen immer mehr Probleme zutage.“ Im Treppenhaus 1, dem Hauptzugang, sei die Situation eklatant gewesen. „Wir wollten eigentlich tatsächlich nur die Decke öffnen, um eine Aufzugsüberfahrt zu errichten“, erklärte Varszegi.
Bei der Öffnung habe sich gezeigt, dass die Decke als Brandschutzdecke vorgesehen gewesen sei, „hat aber den Status eigentlich nie erreicht, weil sie falsch aufgebaut war“. Die Konsequenz: „Nicht nur die kleine Öffnung musste gemacht werden, sondern die ganze Decke von Wand zu Wand komplett rausgenommen werden.“ Erschwerend sei hinzugekommen, dass man auch mit KMF, einem Bauschadstoff, zu tun gehabt habe.
Beim Abbruch seien weitere Probleme aufgetaucht. „Das Dach wurde in einer Vorgängermaßnahme gedämmt, es fehlten aber an mehreren Stellen in der Dachschräge die Dämmung und auch die Dampfsperre“, sagte Varszegi. Das Dach sei „eigentlich offen bis zur Schalung“ gewesen.
„Allein im Eingangsbereich kommen wir auf Kostensteigerungen von rund 80.000 Euro“, sagte Varszegi.


Tür im Fluchtweg hätte im Ernstfall versagt
Symbolisch für diverse Maßnahmen stellten die Architekten die Situation bei einer Tür im Hauptfluchtweg dar. „Über der Tür als Sturz war ein Stahlträger verbaut. Es gibt keine Zulassung für diesen Fall“, sagte Varszegi. „Wenn es hier zum Brand gekommen wäre, der Stahlträger hätte sofort versagt und die Tür wäre in sich zusammengefallen. Es wäre kein Fluchtweg hier mehr möglich gewesen.“
Der Sturz sei zudem „noch mit Holz ausgefacht“ gewesen. „Das funktioniert einfach definitiv nicht“, sagte der Architekt. Die Haltung der Planer und der Verwaltung sei eindeutig: „Brandschutz – es geht einfach um Menschenleben, um Rettung und Überleben und wir machen hier keine Abstriche.“
Kritische Nachfragen der Redaktion dahingehend, ob man diese Mängel nicht hätte aufgrund der Fluchtwegssituation bereits vorher erkennen oder intensiver prüfen können, wurden bei der Baubegehung nicht oder nicht plausibel beantwortet.
Fragen zu Fluchtwegsicherheit
Stadträtin Klein (BFF) fragte in der Sitzung nach der Sicherheit der Fluchtwege. „Die Treppenaufgänge sind sehr, sehr schmal. Gibt es da auch Probleme gegebenenfalls mit dem Brandschutz oder ist das alles abgeklärt und in Ordnung?“, wollte sie wissen.
Ein Fachplaner antwortete: „Der Brandschutz-Sachverständige hat den Brandschutznachweis geprüft, hat den auch so bestätigt.“
Weitere Mängel in Keller und Leitungen
Auch im Keller seien Brandschutzmängel festgestellt worden. Die vorhandene Stahlträger-Kappendecke habe die erforderliche F90-Anforderung nicht erfüllt und musste brandschutztechnisch ertüchtigt werden.
Zudem wurde von nicht normgerechten Kabeln berichtet. „Es waren viele Totleitungen drin, die aber unter Strom standen“, sagten die Ingenieure. Auch wurden Gummileitungen verlegt, die nicht hätten im Putz verlegt werden dürfen. Zudem seien „alte Heizkörperleitungen gefunden“ worden, „die schon am Durchrosten waren“. Das Fazit: „Da hat man alle über die Jahre einfach noch Glück gehabt. Das ist einfach nur Frage der Zeit gewesen, wann es irgendwann zu Schäden gekommen wäre.“
Stadtrat fordert Zahlen und Details
In der Stadtratssitzung forderte Stadträtin Klein (BFF) konkrete Informationen: „Uns interessieren lediglich Zahlen, Daten, Fakten.“ Sie kritisierte, dass die Baubegehung „so kurzfristig vor der Stadtratssitzung angesetzt wurde“ und die Ratsmitglieder im „Schweinsgalopp durch das Gebäude geführt wurden“.
Bürgermeister Jung erklärte, ursprünglich sei ein Bauausschuss geplant gewesen, der wegen weiterer Beratungspunkte in einen Stadtrat umgewandelt worden sei. „Es war keine böse Absicht und manche Kosten müssen auch zuerst zusammengetragen werden.“ Es sei schwierig, „einen Schlussstrich zu ziehen, wenn man noch im Galopp ist“.
Stadtrat Loos fragte nach der Finanzierung. Der Bürgermeister entkräftete die Befürchtung, die Stadt könne auf Kosten sitzen bleiben: „Der Innenminister hat bereits seine Nachschussbereitschaft bekundet.“ Noch am gestrigen Tag hätten ihn „anhand der Pressebereichte“ Signale erreicht, „dass man uns da gerne unterstützt“. „Es ist kein Risiko, dass die Stadt tragen wird.“
Kosten steigen um rund 80.000 Euro
Varszegi bestätigte, dass man bei den Dacharbeiten und beim Gerüstbau Kosten eingespart habe. „Das Dach war tatsächlich nicht so desolat wie ursprünglich angenommen.“ Es sei aber „immer eine Plus- und Minusrechnung“. In anderen Bereichen habe es Kostensteigerungen gegeben, „die nicht absehbar waren“.
Bürgermeister Jung sagte, ein Schlussstrich könne noch nicht gezogen werden. Architektin Schaus-Hoffmann ergänzte, man gehe davon aus, dass „die Zwei-Millionen-Marke“ nicht überstiegen werde, weil „das Größte jetzt getan ist“.
Warum wurden Mängel nicht früher entdeckt?
Schaus-Hoffmann verteidigte die Vorarbeit. „Wir haben im Vorfeld sehr wohl Bauteilöffnungen vorgenommen“, sagte sie. „Man hätte theoretisch komplett den Putz abschlagen und alle abgehängten Decken entfernen müssen“. Dann hätte man aber auch länger keinen Nutzen des Gebäudes aufrecht halten können. Alle Bauteilöffnungen im Vorfeld hätten wieder geschlossen werden müssen, „damit das Gebäude weiter genutzt werden kann“.
Bürgermeister Jung sagte: „Natürlich hatten wir zwischenzeitlich Glück, dass nichts passiert ist.“ Er fügte hinzu: „Wir können drei Kreuze machen, dass uns bei beispielsweise den „Hellas Blauen Nächten“ und ähnlichen Großterminen nichts passiert ist. Dann hätte der Staatsanwalt sicherlich gut zu tun gehabt, um die Verantwortlichkeiten zu klären.“
Sondersitzung gefordert
Gleich mehrfach wurden saubere Kostenauflistungen gefordert – übrigens auch durch unsere Redaktion bereits vor über eine Woche – auch hier wurde keine Antwort seitens der Verwaltung gegeben. Architektin Schaus-Hoffmann sagte zu, diese in der kommenden Woche zu übermitteln. Tanja Sebastian (SPD) schlug vor, „einen Sonderausschuss zu machen, wo es wirklich nur um den Rechtsschutzsaal geht“. Stadtrat Jürgen Trenz (SFF) unterstützte dies: „Ich finde schon, dass wir eine Sondersitzung rein mit dem Punkt Rechtsschutzsaal machen sollten. Dafür ist die Sache zu teuer.“ Das Projekt sei umfassender zu behandeln.
Bürgermeister Jung sagte zu, „die Thematik des besonderen Ausschusses Rechtsschutzsaal noch mal aufzugreifen“. Der Stadtrat nahm die Kostensteigerungen zur Kenntnis.










